Verlieren wir die Ehrlichkeit aus den Augen?

Nun die Headline ist ja schon etwas gewagter, aber dennoch berechtigt. Berechtigt in der heutigen Zeit der schnell lebenden Massenmedien, der super aufgemachten Bildstrecken in den Zeitschriften und Magazinen und der überschätzten Selbstwahrnehmung so manch eines mediengeilen DSDS-Kandidaten (oder ähnlicher Personen).

Schauen wir heute mal beim Zeitschriftenkiosk in das Regal der Magazine für die Frauen, dann sehen wir da Modelle mit makelloser Haut, deren Figur aussieht als ob sie nie irgendein Problemzönchen von weitem gesehen hätte. Die Werbung im TV und an den Bushaltestellen genauso. Von irgendwo grinst Heidi, Naomi oder Adriana und lässt viele, vor allem junge Mädels, denken das nur diese Topmodels schön und begehrenswert sind.

Aber das hier so manch ein guter Bildbearbeiter mehrere Stunden vor dem Rechner sitzt und sich und Photoshop abmüht, dass die Bilder so aussehen wie man sie in der Öffentlichkeit sieht, daran denkt kein Mensch. Ich will hier die Arbeit der Bildbearbeiter nicht schlecht reden. Die machen einen echt guten Job (meistens zumindest). Aber häufig ist es eben zu gut. Auch sind die Ansprüche der Kunden zum Teil so abartig das man eigentlich nur denken kann: “Was zur Hölle?”

Wo bleibt hier die Ehrlichkeit in der Fotografie?

Ein Foto ist die Abbildung der Realität. Zumindest war sie damals bei ihrer Erfindung so gedacht. Aber wo ist die Ehrlichkeit in den heutigen Bildern?
Sollten wir nicht viel eher echte Menschen in unseren Bildern festhalten? Echte Momente? Echte Emotionen?

Versteht mich hier bitte nicht falsch. Ich liebe es zu fotografieren und ich liebe Photoshop und die Möglichkeiten die dieses Programm einem bietet. Aber ich bin es leid in irgendwelche Retusche-Orgien zu verfallen und einem Bild jede Form von Authentizität zu nehmen. Ich weiß wie Photoshop funktioniert. Ich kenne die Techniken die bei der Bearbeitung von solchen Hochglanzmüll zum Einsatz kommen. Und dennoch will der kleine Junge in mir den Mist hinter sich lassen und am liebsten die alte Praktika aus dem Regal nehmen (die Kamera ist so alt wie ich selbst), ein paar Rollen SW-Film besorgen und ehrliche Momente festhalten.
Meine bisher besten Bilder dieses Jahr waren die mit der geringsten Retusche. Wieso? Weil sie echt sind. Weil die abgebildete Person eine tolle Zeit hatte (hoffe ich).
Das sind alles Gründe die eher ein tolles Foto ausmachen als die Qualitäten des Bildbearbeiters.

Ich weiß das ich mich mit solch einem Text durchaus in die Nesseln setze. Aber es musste mal gesagt werden. Nicht nur weil mir dieser Hochglanzmist gerade ziemlich auf den Sack geht, sondern auch weil ich denke, dass wir Fotografen und Bildbearbeiter sensibler sein sollten im Umgang mit den veröffentlichten Bildern. Einfach um die jungen Menschen auch ein Stück weit zu schützen.

Nun bin ich gespannt was ihr darüber denkt. Lasst eure Meinung frei raus oder schreibt mir eine Mail.

In diesem Sinne bis zum nächsten Mal.

Julian

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